wir erben

Roman, Jung und Jung Verlag 2014

Es ist, als habe Adalbert Stifter seine Ururenkelin gefunden, die gleich ihm seitenlang all die Namen der Pflanzen aufschreibt, die im Garten wachsen, die Namen der Besucher, die irgendwann einmal in die Stube hereinschneien und die man beim Lesen, ihrer schieren Vielzahl wegen, zu verwechseln beginnt. Und erst all die Gerätschaften, Möbelstücke, Dinge, die es penibel aufzulisten gilt! […] Zwei Frauen, zwei Versuche, damit zurande zu kommen, dass die Jugend dahin ist – erzählt in einem ruhigen, kunstvoll verlangsamten Roman. Karl Markus Gauß, Neue Zürcher Zeitung

Wie Goethes Roman ist „Wir Erben“ von einer Art kühler und wahrhaftiger Redseligkeit geprägt. Katrin Hillgruber, Der Tagesspiegel

[…] In einer wunderschönen Passage des Buches sind wird dabei, wenn Marianne in ihrer Baumschule Reiser pfropft. Reitzer macht aus dem Vorgang, in dem mithilfe eines fachgerecht gesetzten Schnittes, wenn alles gut geht, zwei Pflanzen zusammenwachsen, eine poetologische Metapher für ihr Buch. Denn auch zwischen Marianne, der Hauptfigur des ersten Teils, und Siri, der zentralen Figur des zweiten, kommt es im Text zu einer Art Pfropfung. Aus heiterem Himmel taucht im Roman irgendwann die zweite weibliche Hauptfigur auf, mit einer ganz anderen Lebensgeschichte: Siri ist mit ihren Eltern aus der DDR geflohen und kehrte nach dem Mauerfall dorthin zurück. Sie hat Japan bereist und in den USA ein Kunststudium absolviert, insgesamt also ein sehr unstetes Leben, fernab von den Verwurzelungen Mariannes im Lex-Haus.

Dass die beiden Frauen bei Angelika Reitzer miteinander zu tun bekommen und am Ende des Buches dann ganz aufeinander bezogen sind, vor allem aber, dass man diesem Buch das eher unwahrscheinliche Zustandekommen dieses Freundschaft auch wirklich abnimmt, hat allein mit der Erzählkunst der Autorin zu tun. In „Wir Erben“ präsentiert sich diese Kunst auf einem Höhepunkt. Es ist ein glasklarer Stil, vorgetragen in kurzen und präzisen Sätzen, den Reitzer schreibt. Direkte Reden zwischen den Figuren erspart die Autorin dem Leser, stattdessen ist hier alles in einen einzigen stilistischen Fluss gerückt, an dem kein Wort stört und keines zu viel oder zu wenig ist. Nicht an einer Psychologie der Figuren, sondern ganz unmittelbar an den Formationen der Wirklichkeit zeigt sich Reitzer in ihrem Schreiben interessiert. Genau dort, inmitten der Realität, fördert das Buch dann auch seine literarischen Erkenntnisse zu Tage. Das Imaginäre selbst, so könnte man sagen, wenn es nicht zu pathetisch wäre, wird hier real.

Es ist eine neue und andere Art des realistischen Schreibens, die Reitzer betreibt. Dass soziologische Schubladen dafür zu klein sind, zeigt sich in „Wir Erben“ auf eindrucksvolle Weise. Nicht um die prekären Lebensverhältnisse des Prekariats geht es hier, sondern um die Tatsache, dass das Leben selbst immer prekär ist oder an ihm etwas ganz ansatzlos prekär werden kann. Plötzlich beginnt eine Figur sich zu bewegen, und plötzlich erscheint ihr in dieser Bewegung an ihrem bisherigen Leben alles fremd. […] Klaus Kastberger, ORF Ö1/ex libris

Seelenwurzelwerk

„Wir Erben“ ist ein Buch der kurzen, ungekünstelten Sätze, das viel von Diskontinuität und Umbruch, von der Destabilisierung des kleinen Lebens erzählt.  […] Die Geschichten von Marianne und Siri sind auf keinen bestimmten Punkt hin erzählt, an dem sie kippen könnten. Reitzer lotet das Potenzial ihrer Figuren aus, indem der literarische Text viel Realität aufnimmt und sich dem allwissenden Erzählen strikt verweigert: Es bedarf einigen literarischen Könnens, die beiden Protagonistinnen auf eine über 300 Seiten lange Odyssee durch ländliche Räume mit all ihrer Trostlosigkeit und Leerezu schicken,ohne über deren Gedanken und Motive Rechenschaft abzulegen; die Dialoge über die Lesbarkeit der Welt – die Anschläge auf einer norwegischen Ferieninsel, die wirtschaftliche Lage Griechenlands brechen stets schon nach wenigen Sätzen ab: „Das Fremde, Unmögliche fasziniert einen, aber man beschäftigt sich mit Naheliegendem.“  Wolfgang Paterno, Profil

Wir Erben Cover